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Verkehrsbetriebe St. Gallen: Trolleybus Nr. 127

Steckbrief zur Trolleybusserie 119-130 (1957)

VBSG 121
Chassis Adolph Saurer AG, Arbon TG /  Carosserie Hess AG
Karosserie Carrosserie Hess AG, Bellach SO
Elektrik Brown, Boveri & Cie., Baden AG (BBC)
Typ 4IILM
Einsatz 1957-92 (anschliessend 1992-95 in Warschau)
Antrieb 100 kW (136 PS)
Länge / Breite 12.2 m / 2.4 m
Sitz- / Stehplätze 19 / 64 Personen
Leergewicht 9'200 kg
Erhaltenes Fahrzeug Nr. 127 (ex Nr. 128 als hist. Fahrzeug in Gdynia PL)

Geschichte

Nachdem die Tramlinien 3 und 5 bereits 1950 auf Trolleybus umgestellt worden waren, folgte im Jahr 1955 die Volksabtimmung zur Linie 1 auf der West-Ost-Achse. Das Volk stimmte dem Kreditantrag über insgesamt 7.3 Millionen Franken für die Erstellung der Fahrleitungsinfrastruktur sowie die Beschaffung von Rollmaterial zu und die Umstellung erfolgte per Oktober 1957. Auf diesen Zeitpunkt beschafften die Verkehrsbetriebe St. Gallen (VBSG) vier Autobusse und 12 Trolleybusse einheitlicher Bauart bei Saurer und Hess sowie 25 Anhänger bei Moser und den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein (FFA).

Da man die Erkenntnis gewonnen hatte, dass die elektrische Traktionsausrüstung von Trolleybussen wesentlich länger hielt, als die Chassis-Konstruktionen herkömmlicher Bauart, entschied man sich bei der neuen Serie (Nrn. 119-130) für einen Unterbau aus Aluminiumlegierungen, welcher mit dem Wagenkasten eine tragende Einheit bildete. Im Gegensatz zu den optisch gleiben Autobussen konnte dadurch kein komplettes Saurer-Chassis zum Einsatz kommen, stattdessen wurde das von Hess gebaute Chassis mit Lenkung und Achsen von Saurer sowie Elektroausrüstung von BBC bestückt.  Auch die von Hess hergestellte Karosserie inklusive Gerippe bestand zum grössten Teil aus Aluminium, Ausnahmen bildeten die rundlichen Front- und Heckpartien sowie die Radkastenbögen, welche mit der damaligen Aluminum-Verarbeitungstechnik nicht realisiert werden konnten. Die Stahlteile in der Karosserie stellten sich im Verlauf des Einsatzes als Nachteil heraus, da sich an den Übergangsstellen zwischen Aluminium und Stahl vermehrt Korrosion bildete.

Nichtsdestotrotz bewährten sich die speziell konstruierten Fahrzeuge sehr gut, gerade das niedrige Gewicht (die Trolleybusse waren rund 460 kg leichter als vergleichbare Wagen mit Stahl-Chassis) führte zu guten Fahreigenschaften und so wurden zwischen 1967 und 1969 die 18 VBSG-Trolleybusse (Nr. 101-118) von 1950 unter Weiterverwendung der elektrischen Ausrüstung und der Rad- und Aufhängungskomponenten auf vergleichbare Weise neu aufgebaut. Die Serie 119-130 blieb bis 1992 in St. Gallen in Betrieb und wurde noch im gleichen Jahr mitsamt Anhängern an den Verkehrsbetrieb in Warschau (Polen) abgegeben. 

Im Warschauer Vorort Piaseczno existierte seit 1983 eine einzelne Trolleybuslinie mit der Liniennummer 51 (1946-73 existierte bereits ein Netz im Zentrum Warschaus). Die St. Galler Trolleybuszüge ersetzten 1992 die 1983 für diese Linie neubeschafften ZiU-Trolleybusse und ergänzten die in Polen unter Französischer Lizenz hergestellten Jelcz-Fahrzeuge späterer Baujahre. Trotz Anpassung der Flotte wurde der Betrieb auf der einzigen Trolleybuslinie per Ende August 1995 - also nur 3 Jahre später - eingestellt. Als die Einstellung im Juli 2000 definitiv und die Fahrleitung demontiert wurde, wurden die verbliebenen Fahrzeuge weiterverkauft.

Der ehemalige VBSG-Wagen Nr. 128 ist so seit 2003 als historisches Fahrzeug in Gdynia unterwegs und hat inzwischen gar die originale Wagennummer und das Stadtwappen zurückerhalten. Der Anhängerzug bestehend aus den Fahrzeugen Nr. 127 (in Warschau T005) und 305 (in Warschau P007) gelangte hingegen in die Hände eines lokalen Vereines, der die Fahrzeuge allerdings ohne Schutz vor Witterung und ohne Aufarbeitung auf einem Vorplatz abstellte. An der Generalversammlung im März 2008 entschieden sich die TVS-Mitglieder die beiden St. Galler Fahrzeuge zurück in die Schweiz zu überführen, was nach einigen Bürokratischen Hürden und dank der Hilfe unseres Partnervereins RétroBus Léman (ARBL) im Oktober 2010 geschah. Seit diesem Zeitpunkt ist der Anhängerzug vor Witterung geschützt in unseren Hallen in der Westschweiz abgestellt.

Anmerkung zu den technischen Angaben: Für die St. Galler Trolleybusse Nrn. 119-130 gibt es je nach Quelle verschiedene Angaben zu den Herstellern. Die hier gemachten Ausführungen basieren auf dem Buch "Hess 1882–2007, 125 Jahre Tradition, Innovation, Emotion." von 2007,  in welchem technische Details zum den Chassis wie auch Bilder davon enthalten sind. Die optisch und technisch weitgehend identischen Winterthurer Trolleybusse Nrn. 50-57 von 1960 werden indes in diesem Buch nicht genannt und in anderen Quellen unter derselben Typenbezeichnung analog der St. Galler Wagen als reine Saurer-Produkte eingeordnet.